{"id":2547,"date":"2013-07-08T06:26:12","date_gmt":"2013-07-08T04:26:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=2547"},"modified":"2013-07-08T10:19:00","modified_gmt":"2013-07-08T08:19:00","slug":"landkonzert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=2547","title":{"rendered":"Landkonzert"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 12.0pt; line-height: 115%; font-family: 'Arial','sans-serif';\">Es gibt Tage, an denen der werte Herr nicht vor seinen eigentlich vor ihm liegenden Aufgaben bewusst flieht, sie zumindest aber meidet. Er wei\u00df dann, dass er sich auf den Hosenboden setzen m\u00fcsste, zumindest die Erwartungen der anderen Menschen nicht zu entt\u00e4uschen. Doch sobald der Arbeitsplatz auch nur in Sichtweite kommt, tun sich Welten in ihm auf, schwarze L\u00f6cher der Faulheit und pl\u00f6tzlich wei\u00df er, welche weiteren Versprechungen er gemacht hat, was noch so zu machen ist. Der Abwasch nat\u00fcrlich und die W\u00e4sche muss auch unbedingt jetzt aufgeh\u00e4ngt werden. Jetzt!\u00a0 Im Garten ist noch einiges zu zupfen. Auch wenn dort alles fr\u00f6hlich vor sich hin gedeiht, einige Pflanzen st\u00f6ren die Gesamtkonzeption. Man kann es nicht verhehlen, auch wenn ein Garten den Eindruck von gewisser Nat\u00fcrlichkeit vermitteln soll, er ist immer geb\u00e4ndigtes Leben. Bestimmte Dinge wollen gemacht werden, auch Pflanzen, die er sehr mag, m\u00fcssen in ihrem Wachstum begrenzt werden, damit sie andere nicht verdr\u00e4ngen. Andere Pflanzen m\u00fcssen gef\u00f6rdert werden, auch durch eine Extragabe Wasser. Sonst dauert es nur wenige Jahre und es entsteht ein Einerlei. Die meisten Stauden wollen sich ungeb\u00e4ndigt ausbreiten, dabei verbrauchen sie allerdings ihre eigene Grundlage mit der Zeit. Die Pflanzensoziologie in einem Garten ist k\u00fcnstlich. Auch die Gr\u00e4ser m\u00fcssen gek\u00fcrzt werden, schon aus Selbstschutz, wegen der Zecken. Und der ewige Feind jedes Gartenbesitzers, der Giersch ist jeden Tag zu bek\u00e4mpfen. Nat\u00fcrlich ohne Gift, mit den Fingerspitzen. Und manchmal auch mit einem Sch\u00fcppchen. Man sieht schlie\u00dflich, was die Spritze in den ber\u00fchmten Gabioneng\u00e4rten anrichtet. Sprach nicht Dieter Nuhr davon, dass viele Kleingartenanlagen eigentlich Sonderm\u00fclldeponien gleichen, wenn man nur in die H\u00fctten guckt?<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?attachment_id=2548\" rel=\"attachment wp-att-2548\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-large wp-image-2548\" title=\"Bl\u00fcten\" src=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/IMG_0190-1024x682.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/IMG_0190-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/IMG_0190-400x266.jpg 400w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/IMG_0190-148x98.jpg 148w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/IMG_0190-31x20.jpg 31w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/IMG_0190-38x25.jpg 38w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/IMG_0190-322x215.jpg 322w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12.0pt; line-height: 115%; font-family: 'Arial','sans-serif';\">An einem dieser Tage stehen nun drei Veranstaltungen an, die unbedingt besucht werden m\u00fcssen, die sich auf wunderbare Weise erg\u00e4nzen, ein Ganzes geben werden. Dies allerdings ist nur aus einem gewissen Abstand zu erkennen. Am fr\u00fchen Nachmittag also, als alle F\u00e4hrnisse des Pflichtarbeitens erfolgreich umschifft sind, gef\u00fcllt mit kleinen T\u00e4tigkeiten, bis hin zum Marktbesuch mit Obstkauf und letztlich erfolgloser Blumensuche, geht es mit einer gr\u00f6\u00dferen Gruppe zu einer Radtour auf das Land. Dort soll bei wundervoll gelegenen Fischteichen gegrillt werden. Kinder schwimmen in einem dieser Teiche, kreischen, quieken teilweise wie Schweinchen, die von ihrer Mutte (so wird das weibliche Mutterschwein in einigen Kleinstd\u00f6rfern der Soester B\u00f6rde tats\u00e4chlich genannt) weggescheucht worden sind. Einer der Anwesenden meint, dass es f\u00fcr die Ohren auf jeden Fall einfacher w\u00e4re, wenn man keine M\u00e4dchen mitgenommen h\u00e4tte. Die umstehenden M\u00e4nner schmunzeln, wissen sie doch um die derzeitige Mode des hohen Quietschens, das einige dieser pubertierenden Gesch\u00f6pfe kultiviert haben. Die umstehenden Frauen senden ihre b\u00f6sesten Blicke, jene, die auf der Stelle t\u00f6ten k\u00f6nnen und wenn nicht dies, so doch zumindest \u00fcble Krankheiten bis hin zum Herzinfarkt nach sich ziehen werden.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12.0pt; line-height: 115%; font-family: 'Arial','sans-serif';\">Das folgende Gespr\u00e4ch ergibt sich quasi automatisch, man war am vergangenen Wochenende oder Mitte der Woche bei einem Depeche Mode Konzert. Im Mittelalter besucht man gigantische Konzerte der Helden der eigenen Jugend und wundert sich, dass dort nicht nur die alten Lieder von fr\u00fcher gespielt werden. Neue Kl\u00e4nge, die ungewohnt f\u00fcr unge\u00fcbte Ohren sind. \u201eDie neue Platte ist \u2013 \u00e4h \u2013 schlecht.\u201c \u201eAch ja, das war doch damals toll, als wir vorne direkt an der B\u00fchne standen und jedes Wort mitsingen konnten. Master and servant. \u201c Dabei vergessen die beiden Herren, dass ohne die neuen Lieder diese achtziger Jahre Combo gar nicht mehr existieren w\u00fcrde. In der Versenkung verschwunden, wie 99 Prozent aus dieser Zeit. Nur wer sich stets erneuert, kann sich in die Gegenwart retten. Alle anderen werden h\u00f6chstens als Nostalgie betrachtet und dann spielen sie irgendwann auf Kleinstkonzerten in Sch\u00fctzenhallen und auf Dorffesten. Es \u00fcberleben die, welche sich einerseits musikalisch treu bleiben und andererseits ihre Kl\u00e4nge weiter entwickeln. Dann k\u00f6nnen auch nach Jahrzehnten ganze Sportarenen mit Menschenmengen gef\u00fcllt werden. Man verliert sich weiterhin in Betrachtungen \u00fcber die Landschaft. Die Kinder und deren Zukunft sind immer wieder wichtige Themen und das n\u00e4chste Sch\u00fctzenfest. Die Firma, welche Pleite gemacht hat, nach langer Tradition und das neue Auto mit Elektroantrieb. Man wagt kaum, es zu bestaunen. Alle Gespr\u00e4che mit einer gewissen Melancholie unterlegt. Das ist wohl die Mentalit\u00e4t in diesem Alter. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12.0pt; line-height: 115%; font-family: 'Arial','sans-serif';\">Herr Nipp ist von diesem netten Grillgeplauder irgendwann gegen halb f\u00fcnf aufgebrochen, da er noch zu einem 50. Geburtstag m\u00f6chte. Im Ernst. Er freut sich darauf, seine Schwester, den Schwager zu sehen, den Rest der Verwandtschaft auch, wenn sie nicht gerade zu einer Sportveranstaltung mit dem Namen Ironman unterwegs ist. Auch dort spielende Kinder in stetem Wechsel zwischen Garten und Konsole. Ein Hin und Her. Immer wieder ergeben sich dort nette oder auch ernsthafte Gespr\u00e4che. Bedenklich viel wird \u00fcber Politik gesprochen. Zwischen Links und Mitte findet sich alles, sogar eine liberale Position hat den Mut sich einzumischen. Verr\u00fcckterweise gerade diese Meinung ist bestens faktisch untermauert, so dass die Anderen irgendwann fast schon gedem\u00fctigt die Segel streichen m\u00fcssen. Lediglich der ganz Linke unter den G\u00e4sten bleibt, h\u00f6rt zu und wirft taktisch klug seine Gedanken ein. Er bringt gerade dann, wenn es um die Wirtschaft, die Banken geht, den Redefluss des Ersten zum Erliegen, l\u00e4sst ihn partiell straucheln und sich selber widersprechen. Pl\u00f6tzlich wabern altvertraute Kl\u00e4nge von Depeche Mode durch den Garten, man hat mit Kerzen in der gro\u00dfen Wiese unter den Apfelb\u00e4umen eine riesige 50 gelegt. \u201eWalking in my shoes\u201c. Es d\u00e4mmert, sch\u00f6n. Dazwischen spielen die Kinder Ball oder werfen sich gegenseitig mit den \u00c4pfelchen ab, die von den B\u00e4umen als \u00fcberfl\u00fcssiger Ballast abgeworfen worden sind. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12.0pt; line-height: 115%; font-family: 'Arial','sans-serif';\">Um elf muss er aufbrechen. Nachher soll noch auf dem Land, irgendwo im Nirgendwo, ein Konzert stattfinden. Die eine Band will er unbedingt sehen und vor allem h\u00f6ren: Soleye. Mit der neuen S\u00e4ngerin, deren Stimme zarter Schmelz, Wohlf\u00fchlsamt mit Seele ist, treten sie das erste Mal auf. Als er oben auf dem Berg ankommt, von der Stra\u00dfe aus den wunderbar ausgeleuchteten alten Bauerngarten sieht, als er das Wummern aus dem alten Bauernh\u00e4uschen h\u00f6rt, als er das erste Gesicht wahrnimmt, f\u00fchlt er sich wohl. Ja, auch in seinem Alter kann man noch zu solchen Veranstaltungen gehen, die nicht in Arenen stattfinden. Alles ist improvisiert, g\u00fcnstig und die jungen Menschen dort sehen irgendwie gl\u00fccklich aus. Die meisten sind zwischen 20 und 30, viele Vollb\u00e4rte, Hipster, viele M\u00e4dchen mit langen Haaren und Kleidern wie aus den Siebzigern, die meisten angeheitert in kleinen kleinen Gruppen zusammen stehend. An der Kasse, die aus einem sch\u00e4bigen Tisch und umgedrehten Bierk\u00e4sten besteht, zahlt er den verlangten Eintritt von immensen f\u00fcnf Euro. Bei dem Gigakonzert, von dem vorher berichtet wurde, soll schon der Parkplatz sieben gekostet haben, zuz\u00fcglich dem Eintrittspreis von 78 Euro (inklusive Geb\u00fchren). Von den Bierpreisen wohl nicht zu reden. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12.0pt; line-height: 115%; font-family: 'Arial','sans-serif';\">Schon an der Kasse trifft er einige Bekannte. Der eine ein alter Fan von Herrn Nipps Schwester, in Ehren gealterter Gitarrist mit pfiffigen Augen, spricht als Begr\u00fc\u00dfung den Bauch des Neuank\u00f6mmlings an: &#8222;Hast aber auch ein gutes R\u00e4nzchen bekommen.&#8220; Ein Anderer, ein DJ mit dem K\u00fcnstlernamen Onetronic, den er schon vor einigen Wochen bei einer Kunstperformance gesehen hat. Ruhiger Mensch, man kann sich kaum vorstellen, dass er gleich mit seinen Eigenkompositionen die kleine Masse zum Kochen bringen wird. Am Mischpult wird er ein anderer sein. Aber jetzt hat er noch vier Stunden Zeit, trinkt in aller Ruhe irgendein alkoholfreies Getr\u00e4nk, vielleicht Tee. Der Dritte ist einer der Veranstalter, Mitglied der Gruppe, die Herr Nipp eigentlich sehen will. Wollte. Schnell wird ihm klar gemacht, die haben schon vor Stunden gespielt. Schade eigentlich. Inzwischen stehen einige DJs an ihren Turntables. Alles wummert und ist doch so entspannt. Immer wieder kommen Bekannte vorbei, die meisten zwanzig Jahre j\u00fcnger. Ja und? Die Anw\u00fcrfe, er h\u00e4nge ja nur noch mit jungen Menschen ab, kann sich Herr Nipp wohin stecken. Ja, auch mit vielen von diesen hat er Kontakt, genie\u00dft dies und wie damals Herr Wowereit sagte: &#8222;Das ist gut so.&#8220; Auch wenn er sich oft als alter Mann f\u00fchlt, er hat immer wieder erlebt, dass in der Musik und Kunst das Alter gar keine Rolle spielt. Hier leben die jungen Menschen ganz bewusst die Reste ihrer Jugend aus, verkleidet oder zumindest leger gekleidet, mit T-Shirts und h\u00e4ngenden Hosen die Jungs, unglaublich viele M\u00e4dchen in Kleidern, die Haare lang fallen lassend oder auch kunstvoll hochgesteckt, wenig Makeup aber ein breites Grinsen im Gesicht.Wo vor einigen Jahren noch viele mit Dreadlocks herumliefen, findet sich jetzt gerade mal eine Sch\u00f6nheit mit Hennaf\u00e4rbung.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12.0pt; line-height: 115%; font-family: 'Arial','sans-serif';\">So bleibt er also kurz an der Kasse sitzen, vertieft sich in Gespr\u00e4che \u00fcber Gott und die Welt, \u00fcber Wege, die gegangen wurden und M\u00f6glichkeiten, die in Zukunft erwartbar sind. Zum Teil ernsthaft, meistens aber wird auch hier gelacht. Der Abend ist lau, von der Kasse aus kann man in die Landschaft schauen, die Reste des Sonnenlichts sind tiefviolett noch zu erahnen. Irgendwann \u00fcbernimmt er quasi automatisch die Position des Kassierers. \u201eDu hast ein festes Gehalt und du bist alt. Da kann man davon ausgehen, dass du nicht in die Kasse greifst\u201c, sagt der Veranstalter, zwinkert mit dem Auge und bricht pl\u00f6tzlich in lautes Gel\u00e4chter aus. Auch das ist ein Zeichen von gegenseitigem Respekt. Er zieht seinen S\u00fc\u00dfholzkaustab aus der Brusttasche des verschmutzten und l\u00f6chrigen Jacketts und zieht ab.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12.0pt; line-height: 115%; font-family: 'Arial','sans-serif';\">Die Kl\u00e4nge stehen ihm im Nacken, umsp\u00fclen die ganze Meute, die Menschen machen ihre Scherze. Immer wieder versucht ein neuer Gast ohne zu zahlen herein zu kommen und wird freundlich aufgefordert. Die meisten freuen sich fast schon, erwischt worden zu sein. Es geht nicht darum zu betr\u00fcgen, sondern um den Reiz. Von einigen wird Herr Nipp sogar gesiezt. Gegen halb zwei will er los, hat eigentlich nichts von innen mitbekommen, aber der Abend war nett. Ein Mitfahrer kommt dazu. Als beide den Kopf heben, meint der, es sei doch wundersch\u00f6n im Sauerland, direkt nach einem Konzert die leuchtenden Sterne am Himmel zu sehen. Da brauche es gar keiner Riesenevents. Genau in diesem Moment hat Herr Nipp verstanden, dass dieser Tag wahrer Urlaub ist.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Tage, an denen der werte Herr nicht vor seinen eigentlich vor ihm liegenden Aufgaben bewusst flieht, sie zumindest aber meidet. 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