{"id":2328,"date":"2013-05-26T10:24:11","date_gmt":"2013-05-26T08:24:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=2328"},"modified":"2013-05-24T10:24:24","modified_gmt":"2013-05-24T08:24:24","slug":"kellerleiche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=2328","title":{"rendered":"Kellerleiche"},"content":{"rendered":"<p>Der \u00f6ffentliche Nahverkehr ist immer wieder eine Einladung zum Studium gesellschaftlicher Strukturen. Zogen die Anthropologen vor Jahren in den jetzt nicht mehr vorhandenen Urwald, um noch nicht beschriebene Kulturen zu entdecken und zu erforschen, so finden sie sich heute in den Metros, den U- und S-Bahnen dieser Welt, rasen von einer Haltestation zur n\u00e4chsten, heimlich bewaffnet mit Diktierger\u00e4ten und modernen Kameras. Dabei fallen sie niemandem auf. Ein Paradigmenwechsel hat eingesetzt. Braucht es heute keiner Geheimdienstler mehr, weil diese fiese T\u00e4tigkeit jetzt von den sozialen Netzwerken \u00fcbernommen wird \u2013 und das sogar viel effektiver, als dies jene zu leisten imstande waren. Ja, die meisten Klienten geben so viel \u00fcber ihr Privatleben preis, dass man schon von privatem Exhibitionismus sprechen kann. Es gibt so etwas, wie die innere Entkleidung. Also haben die alten BND- und Stasispitzel jetzt auf Anthropologie umgeschult und nutzen ihre Techniken des Abh\u00f6rens in den Bussen und Bahnen dieser Welt. Und wie beim Walfang gilt hier: Nur zu wissenschaftlichen Zwecken! Die Erkenntnisse dabei sind schon fast unglaublich, denn in einer faktisch multikulturell gepr\u00e4gten Gesellschaft m\u00fcssen besagte Wissenschaftler nicht nur inhaltlich bewandert sein, sondern auch noch eine Vielzahl an Fremdsprachen beherrschen. Idiome und Dialekte sollen hier gar keine Erw\u00e4hnung finden, vielmehr aber jene Kauderwelschsprachen, Kanaksprak oder Soziolekte genannt, die der Einfachheit halber zwischen Her- und Abkunftssprache mischen. So muss sich der Sprecher oder die Zuh\u00f6rerin nicht auf einen Schlag alle W\u00f6rter lernen, sondern kann in allen Situationen auf die Homebase zur\u00fcckgreifen. Dem unbedarften Zuh\u00f6rer springen dann aus dem T\u00fcrkischen W\u00f6rter entgegen, wie Benzinpreiserh\u00f6hung oder Champions-League-Finale. Neben den sprachwissenschaftlichen Entdeckungen des gestalteten Pluralismus wurden dabei auch die Sprechstrukturen eingehend untersucht.<\/p>\n<p>Herr Nipp hat sich in den Monaten der inhaltlichen Abstinenz zu einem Hobbyanthropologen entwickelt. All das, was ihn fr\u00fcher \u00fcberhaupt nicht interessiert hat, zum Beispiel die Ger\u00fcchte, ihre Entstehung und Verbreitung, k\u00f6nnen ihn jetzt faszinieren. In einer Gesellschaft, die endlich entdeckt hat, dass die Fortbewegung in Gro\u00dfst\u00e4dten mit dem \u00d6PNV abgek\u00fcrzten \u00f6ffentlichen Personennahverkehr viel einfacher ist, als mit einem auch noch unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig teuren Auto, treffen sich in den Fahrwaggons Menschen aus allen Schichten. Die Statussymbole haben gewechselt. Man legt Wert auf das richtige Smartphone und hochwertige Schuhe, nicht mehr auf das Zeichen auf der Motorhaube. Das braucht man nur, wenn es in die autofreie Provinz oder in den alpinen Urlaub geht. Und f\u00fcr diese Wochen ist das Leihen eines fahrbaren Untersatzes insgesamt billiger. Da darf es dann auch mal der 500er sein. Man bedenke nur den Wertverlust.<\/p>\n<p>Herr Nipp sitzt seit kurzem oft tagelang im Bus, f\u00e4hrt von einer Station zur n\u00e4chsten und h\u00f6rt den Menschen zu, wenn er denn die Sprache versteht. Seltsamerweise f\u00fchlt sich niemand bel\u00e4stigt oder beobachtet in diesen R\u00e4umen der \u00d6ffentlichkeit. Die Sprache, welche fr\u00fcher zum intimen Plausch in der Lautst\u00e4rke gesenkt wurde, ist heute f\u00fcr jeden klar vernehmbar. Wenn jeder glaubt, die Leute hinter oder vor mir k\u00f6nnen mich eh nicht verstehen, dann gibt es auch nichts zu verbergen.<\/p>\n<p>Eine sehr sch\u00f6ne Aufnahme gelingt ihm an diesem Tag: \u201e\u2026und habe die beiden\u2026 getroffen\u2026\u201c \u201eUnd?\u201c\u00a0 \u201e\u2026sa\u00dfen dort herum \u2026.mit den anderen Leuten\u2026du wei\u00dft schon\u2026.\u201c \u201eUnd?\u201c\u00a0\u00a0 \u201eDer Neue stimmt nicht.\u201c \u201eHe?\u201c \u201eDer hat eine Leiche im Keller. Wetten, das geht nicht gut.\u201c \u201eWieso?\u201c \u201eNa, der ist nicht echt, die ganze Art, das geht \u00fcberhaupt nicht. Hat meine Frau auch gesagt.\u201c \u201eHm?\u201c \u201eNaja, der hat was zu verbergen, das ist schon mal ganz klar. Das wird nicht gut gehen mit den Beiden.\u201c \u201eDie Beziehung wird ungebremst vor die Wand gefahren.\u201c \u201eDas w\u00e4re schade.\u201c \u201eNa, die hat es nicht anders verdient!\u201c<\/p>\n<p>Einige Stunden sp\u00e4ter zwei andere Mitfahrer, das gleiche Gespr\u00e4ch. Gleiche Worte oder Inhalte, andere Leute. Erst abends findet Herr Nipp heraus, dass es um einen Trainer einer Fu\u00dfballmannschaft geht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00f6ffentliche Nahverkehr ist immer wieder eine Einladung zum Studium gesellschaftlicher Strukturen. 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