{"id":1685,"date":"2013-01-07T00:50:45","date_gmt":"2013-01-06T23:50:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=1685"},"modified":"2013-01-01T09:46:25","modified_gmt":"2013-01-01T08:46:25","slug":"der-stau-vierter-teil","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=1685","title":{"rendered":"Der Stau (I\/4)"},"content":{"rendered":"<p>Tats\u00e4chlich erlebe ich im modernefeindlichen Stau einen unglaublichen und vor allem kulinarischen Hochgenuss. Mache dazu selbst und unbemerkt das passend d\u00fcmmliche Gesicht, welches wohl zu erwarten ist.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich steht meine Mutter dort vor mir, das Gedankenbild einer grandiosen, starken Frau, an jenem br\u00fctendhei\u00dfen Sommertag im August. Die Luft schien \u00fcber der Landschaft zu kleben und in jede Pore zu kriechen. (\u00dcbrigens ein Grund, warum ich lieber in den gem\u00e4\u00dfigten Zonen bleibe. Nichts k\u00f6nnte mich gen Afrika oder S\u00fcdamerika ziehen, dorthin, wo man das Gef\u00fchl hat, es g\u00e4be keinen Unterschied zwischen Haut und Kleidung, der Schwei\u00df verschwei\u00dft alles unrettbar mit einander und macht uns trotzdem weis, dass alles seine Richtigkeit hat. Man bedenke nur, wie viele Leute an einem Hitzekoller sterben dort oder anderen nichtheilbaren Krankheiten, die nat\u00fcrlich nur damit zu tun haben, dass es so schw\u00fclhei\u00df dort ist. Nein, um ehrlich zu sein, w\u00fcrde es mich wirklich reizen. Habe nur bisher keine Zeit dazu gefunden, sag also Angst vor dem Fremden.) Sie hatte damals gewunken, mich zu sich bittend, wir waren in den k\u00fchlen Keller des Bauernhofes gestiegen und hatten dort auch Kekse gegessen. Morgens in aller Fr\u00fche selbst gebackene Kekse, lange bevor meine sechs Geschwister und ich aufgewacht waren. Gar daran gedacht oder davon getr\u00e4umt hatten aufzuwachen. Obwohl wir nie lange schliefen, es war auch vor der Schule genug zu tun f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Meine Mutter wurde damals von einer Art Bettflucht getrieben, bis sp\u00e4t in die Nacht hatte sie das Gef\u00fchl, arbeiten zu m\u00fcssen, als wolle sie sich und allen anderen etwas beweisen. Vor allem der Schwiegermutter, die ihr krumm genommen hatte, dass sie nicht vom Bauernhof kam, sondern die Tochter eines Kaufmanns gewesen ist. Und zur fr\u00fchsten Morgenzeit stand sie schon wieder in den St\u00e4llen des Bauernhofes, bewirtschaftete, versorgte die Tiere und hatte immer noch Zeit irgendetwas Sch\u00f6nes zu machen. Die buk dann leckere Pl\u00e4tzchen mit N\u00fcssen und Makronen aus Kokos. Nat\u00fcrlich durften bei ihr auch die Blechdosen mit Eiserh\u00f6rnchen nicht fehlen, die frisch gedreht wurden und dann an warmen Sommertagen entweder mit eigener Schlagsahne oder in ganz seltenen F\u00e4llen mit selbst gemachtem Zitronensorbet gef\u00fcllt wurden.<\/p>\n<p>Auch die einfachen Menschen auf dem Land haben ihre Freuden. Neben der damals noch zum Teil \u00fcblen Plackerei, dem amoniakgetr\u00e4nkten Geruch, von anderen euphemistisch auch frische Landluft genannt und dem zwangsl\u00e4ufig anfallenden Schmutz gab es gerade in den Sommerzeiten unter den uralten Kastanienb\u00e4umen und Walnussriesen im S\u00fcden des Hauses, unter den Linden im Nordwesten sch\u00f6ne Nachmittage mit Kaffee und Kuchen. Dann wurden die kulinarischen Sch\u00e4tze aus dem k\u00fchlen Keller geborgen.<\/p>\n<p>Die B\u00e4ume hatten mehr Funktionen als auf den ersten Blick gedacht. Sie sollten nicht nur zieren und mit ihren Bl\u00fcten im Fr\u00fchling erfreuen. Sie hielten den Keller trocken, warfen im Sommer k\u00fchlende Schatten und hielten die Fliegen fern, denn die m\u00f6gen Waln\u00fcsse nicht. Die Bl\u00e4tter setzen heute noch einige Imker ein, um die Varoamilben von den Bienen fernzuhalten. Und letztlich konnte man die N\u00fcsse im Herbst sammeln, essen und verkaufen. Die Kastanien bekamen die Schweine zu fressen und damit steigerte man die Fleischqualit\u00e4t, weil dieses besseren Geschmack erhielt. Da die Eichelmast in den W\u00e4ldern zu meiner Kindheit schon lange nicht mehr m\u00f6glich war, musste man andere Wege der Fleischverfeinerung finden. Erstens war sie tats\u00e4chlich aus Naturschutzgr\u00fcnden verboten worden, dabei hatte man schon fr\u00fchzeitig fast s\u00e4mtliche Eichen- und Buchenmischw\u00e4lder durch Fichtenmonokulturen ersetzt. Zweitens konnten die damals in Mode kommenden Langschweine mit vier Rippen mehr, kaum noch drau\u00dfen gehalten werden. Sie hatten kaum noch Fell, nur noch wenige Borsten, waren sehr stressanf\u00e4llig und mussten beim kleinsten Sonnenbrand notgeschlachtet werden. au\u00dferdem konnten diese Tiere kaum noch l\u00e4ngere Strecken wandern, das machte die Statik einfach nicht mit.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?attachment_id=1691\" rel=\"attachment wp-att-1691\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-large wp-image-1691\" title=\"W\u00e4lder\" src=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1680-1024x681.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"425\" srcset=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1680-1024x681.jpg 1024w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1680-400x266.jpg 400w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1680-148x98.jpg 148w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1680-31x20.jpg 31w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1680-38x25.jpg 38w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1680-322x215.jpg 322w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Jene mit Schokaladenhauch \u00fcberzogenen Pl\u00e4tzchen mussten im Schatten stehen, damit sie nicht schmolzen, bildeten bei jedem Eintunken in die hei\u00dfen Kaffee und f\u00fcr uns Kinder in den warmen Kakao einem \u00d6lfilm, wie bei einer kr\u00e4ftigen H\u00fchnersuppe. Der wurde noch mit Backkakao und Zucker gemacht. Hatte Aroma. Nein, gespart wurde bei solchen Anl\u00e4ssen nicht, wenn die Verwandten zusammen kamen, angeblich nur um Eier abzuholen. Die wei\u00dfen und braunen H\u00fchner liefen bei uns noch auf dem gesamten Hof herum, pickten alles, was sie bekommen konnten. Vor allem, wenn man ihnen Insekten und W\u00fcrmer gesammelt hatte, Kinder haben zu so etwas Zeit, dann st\u00fcrzen sie sich wie die Irren darauf und es dauerte auch nie sehr lange, bis alles weggefressen war.<\/p>\n<p>Werfen sie mal eine Sammlung von Maik\u00e4fern in den H\u00fchnerstall. Das Gemetzel dauert nicht lange. Da braucht es keinen Splattermovie, das ist Realit\u00e4t. Aber nach dem Mahl gucken die H\u00fchner so, als h\u00e4tten sie seit Monaten nichts Gutes mehr zu fressen bekommen. Wir hatten auch nie mehr als drei\u00dfig V\u00f6gel, alles andere w\u00e4re zu viel gewesen. Jede der Tanten brachte dann ihre Kinder mit und wir spielten auf dem Strohboden, bauten dort unsere Burgen aus den damals noch fast handlichen Ballen oder sprangen herum, sahen hinterher aus wie die Urweltmenschen, alle Kleidungsst\u00fccke, die Haare, vor allem aber die Str\u00fcmpfe hatten ihre Spelzen abbekommen. Dann tobten \u00fcber zehn Kinder von 5 bis 13 Jahren durch die St\u00e4lle des Bauernhofes, wir kuschelten mit den jungen Ferkeln, die unter Rotlicht lagen, weil die alte Mutte (Sau) wieder mal einige totgebissen hatte. Wir \u00e4rgerten den b\u00f6sen Eber, vor dem jeder von uns Angst hatte. Manchmal verlie\u00dfen wir auch das Gel\u00e4nde, sprangen \u00fcber den kleinen Bach und besuchten die verwandten auf den anderen umliegenden H\u00f6fen. Dann konnte die Horde auch auf mehr als zwanzig Kinder wachsen. Heute w\u00fcrden die Eltern wahrscheinlich wegen des L\u00e4rms verklagt werden.<\/p>\n<p>Damals wollte ich noch Bauer werden. Hatte noch gar keine Ahnung davon, was es hie\u00df, einen Bauernhof am Leben zu halten. Wusste nicht, dass meine Mutter mit ihrer Lebensfreude und Kraft nicht der Normalfall war. Die meisten B\u00e4uerinnen wurden mit den Jahren depressiv, sahen, dass sie sich h\u00e4sslich geschuftet hatten, w\u00e4hrend die Handwerkerfrauen ein sch\u00f6nes Leben f\u00fchrten. Der Hof warf nicht genug ab, mein Vater musste arbeiten gehen, abends, wenn er heim kam und in den Ferien arbeitete er weiter, dann wurde der Hof gemacht, all die Dinge, die wir Kinder nicht, noch nicht machen konnten. In all den Jahren damals haben wir keine Ferien gemacht. Aber das soll hier wirklich kein Vorwurf sein. Die Kindheit mit all den Geschwistern war einfach und sch\u00f6n und gepr\u00e4gt von tiefer Liebe. Keiner von uns ist letztlich Bauer geworden. Einige haben sogar studiert. Der Resthof blieb uns, alle L\u00e4ndereien wurden verpachtet. Einige auch bebaut, weil wir das Gl\u00fcck hatten, dass sie zu Baugebiet erkl\u00e4rt wurden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tats\u00e4chlich erlebe ich im modernefeindlichen Stau einen unglaublichen und vor allem kulinarischen Hochgenuss. Mache dazu selbst und unbemerkt das passend d\u00fcmmliche Gesicht, welches wohl zu erwarten ist. 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