{"id":1502,"date":"2012-11-11T09:28:35","date_gmt":"2012-11-11T08:28:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=1502"},"modified":"2012-11-11T09:28:35","modified_gmt":"2012-11-11T08:28:35","slug":"koppel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=1502","title":{"rendered":"Koppel"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem Weg zum n\u00e4chst gelegenen Stausee kommt er an einer Pferdekoppel vorbei, am Ende einer ausgebauten Stra\u00dfe. Der asphaltierte Weg biegt von dort in einen Ortsteil ab, der nach jenem Wald benannt wurde, der sich dort zu fr\u00fcheren Zeiten erhob. Einem Bruchwald. Man sagt, dass zur Zeit des Nationalsozialismus dort eine Art Lager aufgebaut worden sei, man schweigt allerdings dar\u00fcber, um welche Art von Lager es sich wohl gehandelt habe. Herr Nipp kann sich daran erinnern, dass seine Mutter davon sprach, ihr Vater habe immer Angst gehabt, eines Tages dorthin zu kommen. Lediglich eine immer noch bewohnte Baracke erinnert daran, dass dieser Ort eine zweifelhafte Geschichte hat. Doch dieses Unwissen, welches er Zeit seines Lebens mit sich f\u00fchrt, hat ihn nie dazu verleitet, auch nur zarte Forschungen anzustellen. Der Ortsteil ist von Rest des kleinen St\u00e4dtchens, welches Herr Nipp bewohnt, abgeschnitten, wie ein nach au\u00dfen gelagertes Organ, vielleicht eine Leber oder Niere , die er beim Schlachten auf dem Bauernhof des Onekls gesehen hatte, erschien er ihm als Kind immer. Damals ging man sonntagmorgens nach dem Kirchgang noch eine Runde \u00fcber den Friedhof, dahinter lag eine Gehege mit Tieren, H\u00fchnern und Ziegen, die gef\u00fcttert wurden mit mitgebrachten Leckereien. Dann erkl\u00e4rte der Vater einiges \u00fcber die dort gehaltenen Wesen, dar\u00fcber, dass er selbst fr\u00fcher H\u00fchner und Ziegen gehalten habe, w\u00e4hrend die Mutter zu Hause das Mittagessen vorbereitete. Wie es sich damals geh\u00f6rte, Vorspeise, Hauptgang mit Fleisch und Nachspeise. Friedhof und dieses Tiergehege hatten das St\u00e4dtchen vom eben genannten Ortsteil getrennt oder verbunden, au\u00dferdem ein kleiner Streifen Eichenwald. Heute ist nur eine Erinnerung geblieben, Hunde werden dort abgerichtet.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?attachment_id=1503\" rel=\"attachment wp-att-1503\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-large wp-image-1503\" title=\"letzte Bl\u00e4tter\" src=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IMG_2039-1024x682.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IMG_2039-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IMG_2039-400x266.jpg 400w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IMG_2039-148x98.jpg 148w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IMG_2039-31x20.jpg 31w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IMG_2039-38x25.jpg 38w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IMG_2039-322x215.jpg 322w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>An der Abbiegung liegt weiterhin ein Forsthaus, das im Volksmund immer nach dem dort aktuell residierenden F\u00f6rster benannt wird, die \u00e4lteren Leute allerdings f\u00fchren den Namen aus ihrer Kindheit im Mund. So wird \u00fcber denselben Ort mit verschiedensten Bezeichnungen gesprochen und niemand regt sich dar\u00fcber auf, dass st\u00e4ndig eine neue Benennung stattfindet. \u00dcber alle Ma\u00dfen w\u00fcrde man sich echauffieren, wenn denn andere Dinge des t\u00e4glichen Lebens und Gebrauchs auf solch infame Weise ihren Namen wechseln w\u00fcrden. Hier aber wurde ein Ort gleich dem Bewohner gesetzt. Andererseits gab es H\u00e4user in der Stadt, die auch nach Jahrzehnten noch den Namen eines dort gelebt habenden B\u00fcrgers hatten, manchmal obwohl der dieses niemals besessen hatte, sondern lediglich ein Mieter war. \u00a0Dann gingen die Kinder zu einem Haus, dessen Namen nichts mehr mit den aktuellen Bewohnern zu tun hatte, und nicht die aktuellen Mieter oder Besitzer wurden genannt, sondern der Hausname.<\/p>\n<p>Dort bei der Pferdekoppel gegen\u00fcber des Forsthauses sieht Herr Nipp regelm\u00e4\u00dfig auch M\u00e4dchen im Alter zwischen neun und vierzehn Jahren stehen, die den meist braunen edlen Einhufern mit sehns\u00fcchtigen Blicken in jeglicher Bewegung folgen. Sie haben sich Reitstiefel angezogen und warten nur darauf, dass irgendwann einmal jemand aus dem Haus trete und ihnen erlaube, die Pferde zu liebkosen und eventuell sogar zu besteigen. Dann f\u00fchlten sie sich wie junge G\u00f6ttinnen, allem Weltlichen enthoben. Herr Nipp l\u00e4chelt, dass er das gleiche Bild mit wechselnden Figuren schon seit Jahr und Tag kennt und es sich nicht ver\u00e4ndern wird. Dieses Jahr etwa tragen sie dicke Loopschals, die den Hals verschwinden lassen und aus dem Torso und Kopf eine homogene Masse machen. Das erinnert an den Halsschmuck einiger Eingeborenenst\u00e4mme Afrikas, so wundervoll dokumentiert in den Fotografien von Leni Riefenstahl, die nach dem Krieg nicht gel\u00e4utert, aber im Gef\u00fchl, niemals in irgendeiner Weise korrumpiert gewesen zu sein,\u00a0 nicht mehr politische, sondern eingeborenenkulturelle sowie unterseeische Szenen fotografierte. Zwar immer umstritten, doch sehr erfolgreich. Einige K\u00fcnstler finden sich eben in jedem System zurecht, finden ihre Kunden. Letztlich hatten auch Arno Breker nicht anders gehandelt.<\/p>\n<p>Zu den abgelichteten Initiationsriten werden ganze Massen von M\u00e4dchen und jungen Frauen sich mit ihrem Halsschmuck in Trance tanzen. Die gl\u00e4nzenden K\u00f6rper von rotem Tuch verdeckt oder sogar unversch\u00e4mt unbekleidet.<\/p>\n<p>Aber diese Rituale sind den M\u00e4dchen an der Pferdekoppel wahrscheinlich v\u00f6llig fremd und unbekannt. Ihre M\u00f6glichkeiten in die Welt der Erwachsenen hin\u00fcber zu wechseln sind andere und jetzt befinden sie sich in der Zwischenzeit, in der sie sich selbst kaum verorten k\u00f6nnen, in der sie all ihre Sympathien an die Pferde verschenken und die Eltern, ja die ganze Erwachsenenwelt einfach nur als st\u00f6rend und v\u00f6llig &#8222;doof und bescheuert&#8220; empfinden. Auch sie werden sich in Zukunft in Trance tanzen und dann ihre Pheromone verspr\u00fchen, auch sie werden ihre zuk\u00fcnftigen Partner mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit von einem dieser Massenm\u00e4rkte der erotischen Vielsamkeit mit nach Hause nehmen, aber das hat noch Zeit. Die Diskos, Tanzbuden und Megaevents mit angesagten DJs werden noch folgen. Jetzt begn\u00fcgt man sich noch mit einem heimlichen Kuss in einem versteckten Winkel des Schulhofes und verdr\u00e4ngt den Mundgeruch des anderen durch das Kauen k\u00fcnstlich parf\u00fcmiert riechenden Erdbeerkaugummies. Die vertr\u00e4umten Blicke schauen dann aus einer Stofffestung hervor, die romantisch wirken will. Die stark getuschten Wimpern, welche mit kr\u00e4ftigem Lidstrich die Strahlkraft der Augen verst\u00e4rken und jeden gleichaltrigem Jungen die Gewissheit geben, dass diese M\u00e4dchen unerreichbar sind, werden auf und zu geklimpert, in der Hoffnung, die Pferde erliegen ihrem M\u00e4dchencharme. Vielleicht wechseln die Moden, doch die Situation bleibt gleich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Weg zum n\u00e4chst gelegenen Stausee kommt er an einer Pferdekoppel vorbei, am Ende einer ausgebauten Stra\u00dfe. 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