{"id":1142,"date":"2012-09-09T18:54:11","date_gmt":"2012-09-09T16:54:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=1142"},"modified":"2012-09-09T18:54:11","modified_gmt":"2012-09-09T16:54:11","slug":"wandverkleidung-keine-tapete","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=1142","title":{"rendered":"Wandverkleidung (keine Tapete)"},"content":{"rendered":"<p>Mehr aus Gewohnheit denn echtem Interesse schaute sich Herr Nipp die Wand im Flur an. \u00dcber und unter mit recht kleinformatigen Bildern best\u00fcckt, Petersburger H\u00e4ngung. Ein Prinzip, welches alle hundert Jahre seine Renaissance findet, inzwischen wahrscheinlich alle 20 Jahre, l\u00e4ngstens. Keinem der Exponate wird so eine gr\u00f6\u00dfere Bedeutung einger\u00e4umt, wenn man mal davon absieht, dass die Bilder in Fu\u00dftiefe doch nur recht beschwerlich zu betrachten sind. Allerdings haben Dackel ihre wahre Freude daran, endlich k\u00f6nnen sie mit dem Beinheben relativ einfach ihren Kommentar zur menschlichen Kultur abgeben. (Soweit dies von Interesse ist: Tats\u00e4chlich hat vor einigen Jahren ein gar nicht so bekannter K\u00fcnstler aus K\u00f6ln berichtet, eine Doppelausstellung gemacht zu haben. Ihm zufolge hingen oben Stillleben von extravaganten Speisen &#8211; Gem\u00e4lde f\u00fcr Menschen, jeweils mit einem N\u00e4pfchen Haribos versehen, damit die Betrachter nicht verhungern. Unten auf Foxterrier-Augenh\u00f6he Knochendarstellungen, bespr\u00fcht mit einem Fleischauszug. Sollte diese Behauptung nicht der Wahrheit entsprechen, wovon der Schreiber dieser Zeilen ausgeht, so ist doch zumindest die Idee durchaus erw\u00e4genswert. Sollte also irgendwer nun auf den Gedanken zu einer solchen Ausstellung kommen, bitte ich um die Tantiemen f\u00fcr die grunds\u00e4tzliche Ideenfindung, lieber aber um Einladung zur Teilnahme. Titel: \u201eLuxus, ein Hundeleben\u201c)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?attachment_id=1143\" rel=\"attachment wp-att-1143\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-large wp-image-1143\" title=\"Wandverkleidung\" src=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1403-682x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"960\" srcset=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1403-682x1024.jpg 682w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1403-266x400.jpg 266w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1403-98x148.jpg 98w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1403-20x31.jpg 20w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1403-25x38.jpg 25w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1403-143x215.jpg 143w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Neben der optischen Opulenz auch ein Spiel mit Wertigkeit und Selbstwert, gar Selbstbewertung. Als unvoreingenommener Seher (nicht Glotzer und schon gar nicht Wahrsager) sucht er sich eine Arbeit heraus und betrachtet sie eingehend. Um sie in Augenh\u00f6he zu bekommen, stellt er sich breitbeinig auf, geht dabei stark in die Knie, als w\u00fcrde er in einer zu niedrigen K\u00fcche kochen oder den Abwasch machen, was noch wahrscheinlicher ist. (Sollten sie, geneigter Leser, jemals in einer Ausstellung einen Menschen in solcher Haltung sehen und denken, er habe ein schwerwiegendes R\u00fcckenleiden wie Hexenschuss, grinsen sie nicht und gucken sie erst einmal genau hin. Es k\u00f6nnte schlie\u00dflich sein, dass er in kontemplativer Vertiefung ein Bild visuell ein Bild verschlingt.) Er schwelgt in Erinnerungen, genau genommen wirkt das Bild als Assoziationsfeld. Jedes Einzelteil, jedes Element steht allein und im Kontext aller Teile. So erweitert sich die Bedeutung zusehends.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst sieht er nur das dunkle Braun der gr\u00f6\u00dften Bildfl\u00e4che, Rahmung, wird an seine eigene T\u00e4tigkeit in einer Grafikwerkstatt f\u00fcr Radierungen erinnert, die schon so lange her ist. Eine Zeit, die er meist zu verdr\u00e4ngen sucht. Die Farbe l\u00e4sst in ihm den typischen Geruch dieser Zeit in die Nase steigen. Einerseits der leicht fiese Geruch des Terpentinersatzes, des Asphaltlacks, andererseits auch die S\u00e4ured\u00e4mpfe, die auch trotz der starken Abzugshaube \u00fcber den B\u00e4dern doch immer leicht in den Raum schwappten. Der Geruch der selbstgedrehten Zigaretten, die damals noch dort geraucht werden durften, des meist alten und abgestandenen Kaffes. Die vielen Abende, wenn seine Kollegen und er dort gemeinsam sa\u00dfen, gekocht und gegessen hatten. Die sch\u00f6nen Erinnerungen an gute Gespr\u00e4che und nicht immer guten Wein. Diese Farbe erschlie\u00dft Herrn Nipp eine wahre olfaktorische \u00a0wie visuelle Landschaft, er f\u00fchlt sich fast an die Wahnvorstellungen des Grenouille erinnert. (Die Erw\u00e4hnung dieses Namens sollte im \u00dcbrigen nicht als Hybris verstanden werden.) Eine Fotoplatte aus Glas mit einer Gebirgslandschaft und K\u00fchen erg\u00e4nzt das Bild, stellt die eigentlich Bedeutungsmitte dar. Aber kann es sein, dass eine von irgendwem gemachte Fotoarbeit zum Informationstr\u00e4ger eines K\u00fcnstlerbildes wird? Hatte nicht der wunderbare Peter Meilchen sich jahrelang mit K\u00fchen jeglicher Art auseinandergesetzt und vorgefundene Fotos verwendet? Und jetzt erkannte Herr Nipp auch tats\u00e4chlich, von wem diese Arbeit stammte. Die Signatur verriet die Herkunft. Unter der eigentlichen Bildfl\u00e4che ein kurzer Bleistiftstummel, mit Tesakrepp aufgeklebt. Mit diesem wohl in den noch feuchten Lack geschrieben: \u201eLandschaftsbildbeschreibung I\u201c. Herr Nipp ist mal wieder verbl\u00fcfft, mit welch einfachen Mitteln dieser K\u00fcnstler in der Lage war, den Betrachter einzunehmen und in seinem Denken wie F\u00fchlen zu manipulieren.<\/p>\n<p>Genau hier kann er verstehen, dass das System der Petersburger H\u00e4ngung durchaus Kraft hat. Wenn bei anderen Pr\u00e4sentationen von Kunst jedem Bild Raum einger\u00e4umt wird, ein Umfeld f\u00fcr sich allein zu wirken, entstehen hier Beziehungen. Verkn\u00fcpfungen entstehen, die bei jeder Umh\u00e4ngung neue Bedeutungsfelder erzeugen. \u00a0Jedes umliegende Bild nimmt Bezug zu dieser Arbeit, ver\u00e4ndert sie, nein erweitert sie.<\/p>\n<p>\u00dcber eine halbe Stunde hatte er in dieser Haltung gebannt verharrt, als er weiter wollte, musste er feststellen, dass die Beine den Dienst versagten und Herr Nipp sich nicht mehr bewegen konnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr aus Gewohnheit denn echtem Interesse schaute sich Herr Nipp die Wand im Flur an. \u00dcber und unter mit recht kleinformatigen Bildern best\u00fcckt, Petersburger H\u00e4ngung. 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