{"id":1107,"date":"2012-09-04T08:12:01","date_gmt":"2012-09-04T06:12:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=1107"},"modified":"2012-09-04T08:12:01","modified_gmt":"2012-09-04T06:12:01","slug":"postkartenarten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?p=1107","title":{"rendered":"Postkartenarten"},"content":{"rendered":"<p>Wie all die Jahre zuvor hatte er sich auch in diesem Urlaub ganz eindeutig und fest vorgenommen, einen ganzen Haufen Postkarten aus der Ferne zu schreiben. Mehr aus einem Gef\u00fchl der Tradition als der Pflicht, mehr aus Trotz, denn aus Lust am Verfassen banaler Urlaubsprosa oder ausgefeilter Reiselyrik. Es geht schlie\u00dflich beim Verschicken solcher Post nicht in erster Linie um den Text.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?attachment_id=1108\" rel=\"attachment wp-att-1108\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-large wp-image-1108\" title=\"Fundus\" src=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1401-1024x682.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1401-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1401-400x266.jpg 400w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1401-148x98.jpg 148w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1401-31x20.jpg 31w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1401-38x25.jpg 38w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1401-322x215.jpg 322w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Brief will bestehende oder sich entwickelnde Ansichten oder pers\u00f6nliche Befindlichkeiten dezidiert und vor allem kommentierend mitteilen, die meist nur f\u00fcr einzelne Personen bestimmt sind. Er ist reine Privatsache, wenn einmal von jenen Postsendungen abgesehen wird, welche f\u00fcr Produkte oder Servicedienstleistungen werben, gar dem Konsumenten die Rechnung f\u00fcr seinen Verbrauch pr\u00e4sentieren. Man denke nur an die gro\u00dfen Briefwechsel der Literaturgeschichte, die sich durchaus neben pers\u00f6nlichen Mitteilungen zu l\u00e4ngerfristigen theoretischen Abhandlungen zu \u00e4sthetischen oder humanistischen, zu ideologischen oder wissenschaftlichen Projekten ausweiten konnten. Schillers Briefe etwa, Grundlage so mancher Gedankeng\u00e4nge vieler K\u00fcnstler, Philosophen und Literaten. Oder Kafkas Brief an den Vater, der ber\u00fchmte Chandosbrief von Hugo von Hoffmannsthal, der allerdings tats\u00e4chlich nur reine Literatur ist, trotzdem Auswirkungen auf das Nachdenken \u00fcber die Wirkmechanismen der Sprache hatte und hat.<\/p>\n<p>Die Postkarte allerdings will Gr\u00fc\u00dfe \u00fcbermitteln, zeigen, dass man an den Anderen oder die Andere denkt. Auch wenn sie von einigen wenigen K\u00fcnstlern als Mail-Art missbraucht wurde. Selbst im Zeitalter min\u00fctlich verschickter SMS- Nachrichten und Botschaften aus dem Zwischennetz der digitalen Kommunikation ist die Begreifbarkeit der Karte, die im Briefkasten liegt, etwas ganz Besonderes. Neben den wohl gemeinten Gr\u00fc\u00dfen werden fast standardisiert die \u00fcblichen Fakten und Daten \u00fcbermittelt, die sich wohl jedes Jahr wiederholen. Da schreibt es sich \u00fcber hervorragendes oder miserables Wetter, Sonne oder Regen. Die Verfasser befassen sich in gedanklichem Schmatzen mit dem Essen und neu entdeckten (alkoholischen) Getr\u00e4nken. Sie schildern in knappen S\u00e4tzen von Aktivit\u00e4ten und Beschreibungen allgemeiner Wohlbefindlichkeit im gew\u00e4hlten Ferienparadies. H\u00f6he der bew\u00e4ltigten Berge, Bl\u00e4ue des Himmels und des Wassers, vielleicht von der Gewalt des Wellengangs. All dies war Herrn Nipp wohl bewusst. Mehr wollte er auch gar nicht.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?attachment_id=1109\" rel=\"attachment wp-att-1109\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-large wp-image-1109\" title=\"M\u00f6hnesee G\u00fcnne\" src=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1402-1024x682.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1402-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1402-400x266.jpg 400w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1402-148x98.jpg 148w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1402-31x20.jpg 31w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1402-38x25.jpg 38w, http:\/\/www.herr-nipp.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/IMG_1402-322x215.jpg 322w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Vor einigen Jahren hatte ein Soziologe (und ich meine nicht Diana Bauer, die auch ein Buch \u00fcber Postkarten verfasst hat. Der Name ist leider nicht mehr bekannt, kann aber sicher mit einiger Geduld gegoogelt werden.) f\u00fcr seine wissenschaftliche Dissertation (ja, das ist eine Tautologie, ich wei\u00df) hunderte, wenn nicht tausende von Postkarten aus den letzten hundert Jahren gelesen, studiert und festgestellt, dass sich die Menge geschriebener W\u00f6rter ver\u00e4ndert hatte. Von ehemals fast 240 W\u00f6rtern, die in winziger Schrift auf die Schreibfl\u00e4che gequetscht wurden, hatte sich die Zahl bis heute auf rund 60 bis 80 geschrumpft. In dieser Arbeit wurde auch die allm\u00e4hliche Verflachung stilistischer wie inhaltlicher Varianz auf das Sch\u00e4rfste nicht kritisiert, sondern dargestellt. Dies alles ein Spiegelbild unserer Kultur und Gesellschaft \u2013 ja, das ist auf jeden Fall der Untergang der abendl\u00e4ndischen Kultur. Und auch dies sei vermerkt: die Gesellschaft wird immer bequemer und lascher. Zehn Zeilen mit gro\u00dfen krakeligen, je h\u00f6chstens zehn W\u00f6rtern sind einfach genug. Die Schreibmuskeln sind einfach nicht mehr so trainiert wie fr\u00fcher. Und wer will das ewig gleiche denn eigentlich lesen?<\/p>\n<p>Die Bilder sind viel wichtiger \u2013 Projektionsfl\u00e4che unserer Tr\u00e4ume und Sehns\u00fcchte. Zu diesem Zwecke hatte sich Herr Nipp gut zehn Karten besorgt, f\u00fcr jeden Adressaten eine andere. Die Tante sollte mindestens sechs gerahmte Bildchen mit zentralem Schriftzug bekommen. Der Freund aus Berlin den gr\u00f6bsten Sonnenuntergangskitsch, er w\u00fcrde die distanzierte Selbstironie schon verstehen. Die Verflossene w\u00fcrde um ein sachliches Panoramamotiv bereichert. Jedes Motiv verbindet zwei grundlegende Gedanken: die Selbst- und die Fremdaussage.<\/p>\n<p>Allerdings hatte er bis zum vorletzten Tag wegen der permanenten Aktivit\u00e4ten keine Zeit zum Schreiben gefunden. Er setzte sich also auf die Terrasse seines Panorama- Ansitzes\u00a0 und betrachtete die gew\u00e4hlten Karten, war zufrieden. Sein \u00e4lterer Bruder w\u00fcrde die Abbildung eines Klettersteiges erhalten, den sie gemeinsam vor \u00fcber zwanzig Jahren geschafft hatten. Auch als Aufforderung der zuk\u00fcnftigen Wiederholung. Mit Bedacht klebte er die inzwischen selbstklebenden Briefmarken auf. Heute muss der Urlauber nicht mehr an den Papierfetzen herumlecken, nicht wissend, welche Schadstoffe der Kleber enth\u00e4lt.<\/p>\n<p>Da die vorherige Wanderung sehr anstrengend gewesen war, glitt sein Zustand langsam aber stetig in einen des Schlummers \u00fcber den Karten hin\u00fcber. Wie jedes vorige Jahr w\u00fcrde er die Karten also mit nach Hause nehmen und sorgsam in die Kiste legen. Dort fanden sich auch die unbeschriebenen, daf\u00fcr brav mit Wertzeichen beklebten Bildkarten der letzten Jahre, auch aus einer Zeit, als es noch Lira und Franc gab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie all die Jahre zuvor hatte er sich auch in diesem Urlaub ganz eindeutig und fest vorgenommen, einen ganzen Haufen Postkarten aus der Ferne zu schreiben. 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